Sonntag, 18. November 2012

Geh mir doch weg XVII: Hobby zum Beruf


Zugegeben, das war nicht klug gewesen. Peter stand auf dem Balkon und rauchte. Die Augen geschlossen. Die Schultern hingen wie tote Tiere von der Wirbelsäule. Mit Zeigefinger und Daumen massierte er sich die Nasenwurzel. Auf seinen Körper war Verlass. Immerhin. Die bohrenden Kopfschmerzen über dem dritten Auge hatten sich soeben zwischen seinen Brauen niedergelassen. Pünktlich wie ein Maurer. Schade, dachte Peter, dass man für Psychosomatik nicht bezahlt wird. Dann könnte ich mein Hobby zum Beruf machen. Und prima davon leben. 

Selten hatte er Bettina so furios erlebt. Okay, in dem ersten halben Jahr nach der zweiten Trennung, da war sie auch in Höchstform gewesen. Aber auch damals hatte er ein gerüttelt Maß zu ihrem Zorn beigetragen und war ihr beim Aufregen regelmäßig und durchaus engagiert behilflich. Als er den Namen ihres neuen Freundes auf ihrem Klingelschild ergänzt hatte. Ein klarer Akt der Nächstenliebe. Oder als er mit einem weißen Taschentuch fröhlich zum Abschied winkte, als Bettina mit ihrem neuen Lover zu einem romantischen Liebesurlaub in Süddeutschland aufbrach. 

Aber heute war sie noch einen Tick furioser. Klar, ihre Nerven lagen blank. Was kein Wunder war, wenn der frühe Samstagmorgen mit einem unterhaltsamen Wasserrohrbruch begann. Und man das Gefühl nicht loswird, da habe jemand in der Wand einen Hahn aufgedreht. Die Hauptleitung war schnell gesperrt, der unmotivierte Klempner-Notdienst sah nach dem rechten und meinte, da könne man auf Verdacht jetzt so gar nix machen, außer allüberall die Wand aufzustemmen und das könne ja keiner wollen, vor allem er nicht. Aber vor allem auch wir nicht, weil es keine Garantie dafür gebe, dass dadurch auch das wahre Leck gefunden werde, aber Dreck gebe es dafür jede Menge, das sogar unter Garantie. Und ohne Ortungsdienst, der nach der ursächlichen Stelle suche, brauche man jetzt erstmal nichts zu tun, denn - nach einer Probe-Entriegelung des Haupthahns - lief nichts mehr nach. Also Entwarnung. 

(Foto (c): Thomas Ottensmann)
Peter war beruhigt. Und ging erst mal mit Ische auf seine obligatorische Runde durch den Wald. Aber schon da war er in schlechte Gesellschaft geraten. Fiese Kopfschmerzen krochen seinen frisch ausrasierten Nacken hoch. Er musste den Spaziergang nach einer knappen Stunde abbrechen. Die grelle Herbstsonne, die er sonst so genoss, stach in seine Augen wie eine Hornisse. Trotz der dunklen Sonnenbrille. Die Kopfschmerzen waren mittlerweile über seinen Schädel gewandert, hatten die Fontanelle beiläufig anästhisiert und hingen ihm auf dem Nachhauseweg schließlich schon wie ein Pony in den Augen. Als er zuhause ankam, sah er auf dem Disply seines Smartphones zwei Anrufe in Abwesenheit. Es war Bettina gewesen, die ihn zweimal zu erreichen versucht hatte. 

Klar, er hatte das Klingeln wohl gehört, konnte aber nicht rangehen, weil er im Auto saß und keinen Bock hatte, schon wieder 40 Euro zu blechen und noch einen Punkt in Flensburg zu kassieren. Er war ja quasi ante portas. In fünf Minuten da. Zuhause war von Bettina aber keine Spur. Sie hatte ihm auch nicht auf die Mailbox gequatscht. Auch keine SMS geschickt. Konnte wohl nicht so wichtig gewesen sein.

Peter ließ sich erstmal eine Badewanne mit diesem entspannenden Moorzusatz ein. Der Nacken war taub, die Kopfschmerzen saßen wie ein Helm und hatten seine Augen mittlerweile zu schmalen Schlitzen zusammengeschoben. Peter hatte selten Kopfschmerzen, aber wenn, dann wie aus dem Lehrbuch. Als er gerade in die Wanne steigen wollte, rief Bettina ein drittes Mal an, wie sich herausstellte aus dem Keller. "Von wegen, da läuft nichts nach. Ich habe das mal getestet und volle Pulle Wasser laufen lassen. Das sprudelt jetzt wieder munter aus der Wand. Gib mir mal die Nummer vom Notdienst. Die müssen nochmal kommen. Komm mal runter und guck Dir die Sauerei an." Peter hatte dankend abgelehnt und gesagt, er habe bohrende Kopfschmerzen und wolle eigentlich nur noch ins Bett. "Zwei leckere Thomapyrin und das Problem ist gelöst", hatte Bettina noch heiter gesagt, obwohl ihre mentale Verfassung eher wolkig wirkte.

Foto (c): Thomas Ottensmann)


Das Vollbad hatte gut getan. Peters Nacken hatte sich im dampfend heißen Wasser ein wenig entspannt. Der Helm hatte den Kinngurt gelöst. Er wollte jetzt nur noch ins frisch bezogene Bett. Ein wenig die Augen schließen. Dann würden die Kopfschmerzen nicht den ganzen Tag an seinem Bett sitzen bleiben. Das konnte ja keiner wollen, vor allem Peter nicht. Mit einem Blick auf das schmutzig-braune Moorwasser hatte er dann geistesabwesend den Stöpsel gezogen und sich das Badelaken um die Lenden gewickelt. Als er gerade ins abgedunkelte Schlafzimmer wanken wollte, kam Bettina wie eine Lok auf zwei Beinen die Treppe hoch: "Hömma, hast Du sie eigentlich noch alle?". Sie brüllte. Hysterisch. "Wie kannst Du denn jetzt Wasser verbrauchen? Weißt Du, wie das unten aussieht? Die Kacke kannst Du selbst wegmachen". Ihre Stimme überschlug sich. "Was bescheuerteres als Dich gibt es ja gar nicht". Ihr eigentlich recht hübsches Gesicht war von hektischen roten Flecken hässlich geschminkt. Danke gleichfalls, sagte Peter kleinlaut. Aber da war sie längst abgedampft.

(Thomas Ottensmann für: Die Wahrheit. (c) OmO Enterprises 2012)


Mittwoch, 14. November 2012

Rammstein feat. Krümelmonster


Ich esse den Keeeeeeks!


Geh mir doch weg XVI: Ein halbes Haus


Peter musste laut lachen. Das war unfassbar. Unglaublich. Sen. Satio. Nell. Er hatte sich gerade ein neues Auto gekauft. Er hatte ihn wieder. Seinen geliebten Pumpe-Düse. Nach sechs Jahren Rumgehurke mit diesen beiden sehr alten, sehr kaputten und sehr unzuverlässigen Golf II. 
(Foto(c): Thomas Ottensmann)
Klar, es war 
nicht uncool, mit einem Auto durch die Gegend zu gondeln, dass älter war als viele Fahrerinnen von diesen unzähligen niegelnagelneuen Mini Coopern oder Fiat Cinquecentos. Zudem verschwanden die Golfs der zweiten Baureihe gerade so langsam von der Bildfläche. Was es noch besonderer wirken ließ. 

Aber insgeheim hatte Peter immer seinem Lieblingsauto hinterhergetrauert, das er 2006 - kurz vor dem Sommermärchen - wegen kurzfristiger Liquiditätsprobleme dann doch verkaufen musste, weil er sich die Raten wegen seiner Scheidung in Tateinheit mit Arbeitslosigkeit und kurzfristiger Wohnungslosigkeit einfach nicht mehr leisten konnte. Der Golf IV, 1.9 Liter, TDI. Hach, was für ein Auto. Aber er war 2006 ja schon lange kein Manager mehr. Die Protzkarre muss weg, hatte Bettina mehrfach betont. Und gedrängelt. Und genölt: Du gehst sonst pleite, Wunderlich! 

Er hatte sich ja gerade erst eine Eigentumswohnung gekauft. Die zweite. Die erste war bei seinem finanziellen Touchdown nach der Scheidung hops gegangen. Die Aufhebung der Baufinanzierung hatte ihn fast mit in den Abgrund gerissen. Aber Peter Wunderlich wäre ja nicht Peter Wunderlich, wäre er kein Stehaufmännchen. Hinfallen, ja, liegenbleiben, niemals! Genau genommen hatte er sich 18 Monate nach der Scheidung aber keine Wohnung gekauft, sondern ein halbes Haus. Zusammen mit Bettina. Sie hatte die Wohnung unten gekauft, er die Wohnung oben. Beides schön säuberlich voneinander getrennt. So wohnten sie quasi zusammen, konnten sich aber auch prima aus dem Weg gehen, wenn die Luft mal etwas voluminöser wurde. 

Dass er den Baukredit überhaupt bekommen hatte, war dann aber doch überraschend gewesen. Für alle Beteiligten. Eine Null-Eigenkapital-Finanzierung der örtlichen Sparkasse. Damit hatte er selbst nicht gerechnet. Er hatte sich gerade zum zweiten Mal selbstständig gemacht und sein Kerngeschäft lief noch gar nicht wirklich. Aber sein Konzept, für das er nach der Stütze noch ein halbes Jahr mit EU-Geldern gefördert wurde, las sich spannend. Als hätten alle nur auf Wunderlich gewartet. Als sei die erste Million schon so gut wie im Sack. Jaha, schreiben konnte er! Nur mit dem Umsetzen, da haperte es dann doch des Öfteren. Aber sein Steuerberater und Wirtschaftsprüfer hatte ihm noch eine Art Prognose geschrieben, dass er bestens ausgebildet und erfahren sei, blablabla, dass er was drauf habe, blablabla, und in der Lage sei, die zweite Selbstständigkeit genauso erfolgreich zu gestalten wie die erste sieben Jahre zuvor, blablabla und überhaupt sei er ein netter Typ, an den man einfach mal glauben solle. So in etwa, nur seriös und mit spezifischem Fachchinesisch, mit Geldsprache, angereichert. Das fand die Ansprechpartnerin bei der Bank offenbar überzeugend. Noch viel überzeugender fand sie aber wohl die Aussicht auf ihre Provision für einen 100.000-Euro-Kredit. Zumal es kurz vor Weihnachten 2005 war, als die Papiere endlich unterschrieben wurden. Es mussten ja schließlich ein paar fette Geschenke unter den Baum. 

Peter Wunderlich hatte also wieder ein Zuhause, das ihm ganz allein gehörte. Wo er tun und lassen konnte, was er wollte. Wo er sich nicht mit verpeilten Vermietern und grummeligen Hausmeistern rumärgern musste. Wo er die Wände heute mit schwarzem Hochglanzlack streichen konnte und morgen in Pink, ohne dass einer rummaulte. Wo er im Wohnzimmer Schlagzeug spielen und nachts die Waschmaschine anwerfen konnte oder sich ein Bad einließ, ohne allzu große Nöligkeit der Nachbarn. Nachbarn waren ja jetzt nur noch seine Freundin Bettina und ihre Tochter Marie, die jetzt 16 und damit auch gleichzeitig sein ältestes Patenkind war

Aber nicht zuletzt die Tilgungsraten und die verfluchten Zinsen machten Peter das Leben im ersten Jahr der neuen Selbstständigkeit so schwer, dass er sein Lieblingsauto dann doch verkaufen musste. War natürlich noch nicht abbezahlt, aber mit dem Kaufpreis konnte er die Autofinanzierung ablösen – mit hohem Verlust versteht sich. Egal, nur eine Rate weniger ist eine gute Rate. Und Bettina hatte das zwar gewohnt feinfühlig formuliert („Das Angeberauto muss wech!“), aber nichtsdestoweniger hatte sie ja deshalb nicht ganz Unrecht damit gehabt. Er konnte sich das Auto damals einfach nicht mehr leisten. 

Und jetzt? Freude pur. Peter musste laut lachen. Das war unfassbar. Unglaublich. Sen. Satio. Nell. Er hatte wieder einen TDI. Zwar einen kleineren, sogar den kleinsten aller Volkswagen, aber egal. Der Lupo hatte ihm bei der Probefahrt schon richtig viel Spaß gemacht. Wie damals, bei seinem ersten TDI. Und das neue Auto war im Unterhalt gerade mal halb so teuer wie der 24 Jahre alte Golf II mit seinem ungeregelten Katalysator. Ein 3-Liter-Auto! Das wirklich nur 3 Liter - und manchmal sogar weniger - verbrauchte. Das mit einer Tankfüllung für knapp 50 Euro 1100 Kilometer weit fuhr. Das man notfalls auch mit dem Nobelkraftstoff Brölio aus dem Aldi betreiben konnte. Der Liter zu 1,39 €, was nochmal zehn Cent unter dem derzeitigen Dieselpreis lag. Peter grinste übers ganze Gesicht. Das war unfassbar. Und so vernünftig. Peter war ein kleines bisschen stolz auf sich. Eine klare Kopfentscheidung!

Als er den Wagen voller Ungeduld angemeldet und zugelassen hatte, war er sofort zur ersten längeren Testfahrt aufgebrochen. Das Herbstwetter ließ es noch mal so richtig krachen. Er hatte das Schiebedach geöffnet, seine Sonnenbrille auf der Nase und das Radio volle Pulle aufgedreht. Es lief "Three Little Birds" von Bob Marley. Was für ein herrlicher Tag! Peter hatte dankbar zur Kenntnis genommen, das er zum ersten Mal seit ein paar Jahren sogar wieder einen CD-Player im Auto hatte - und dann noch mit Wechsler. Schönes Extra, quasi das einzige über das der kleine Lupo verfügte. Zentralverriegelung, Servolenkung, abschließbares Handschuhfach? Fehlanzeige. Aber ein gutes Radio mit CD-Wechsler. Großartig. 

Leider hatte er auf der Fahrt zum Straßenverkehrsamt vergessen, eine CD einzustecken. Sonst hätte er jetzt in Brüllstärke Massive Attack hören können. Schade, aber das lief ihm ja nicht weg. Peter drückte gedankenverloren auf den Eject-Knopf des CD-Players, wie um die Musik zu wechseln. Ein Reflex. Eine Übersprungshandlung. Denn zunächst mal musste man ja etwas einwerfen, bevor man etwas raus bekam. Alte Weltspartag-Weisheit. Der lokale Radiosender meinte, nach Bob Marley könne nun auch ein Lambada nicht schaden. Der Ansicht war Peter nun gar nicht. Sommer im Herbst? Limbo im November? 
(Foto(c): Thomas Ottensmann)
Nix da. Alles hat seine Zeit. Peter drückte auf den Eject-Knopf des CD-Players. Und heraus surrte langsam ein Rohling. Per Hand beschriftet. Ein letzter Gruß des Vorbesitzers. Den er offenbar im Schacht vergessen hatte, als er das Auto dem Händler überließ. Peter zog die CD raus, war gespannt, welche Musik darauf war. „Mir geht es gut“, stand auf der CD, „Wege zum positiven Denken“. Peter musste laut lachen. Das war unfassbar. Unglaublich. Sen. Satio. Nell.


(Thomas Ottensmann für: Die Wahrheit. (c) OmO Enterprises 2012)


Sonntag, 11. November 2012

Demokratie ist hinderlich


Die Lösung aller Finanzprobleme liegt nah und doch so fern. Danke, Volker Pispers. Es könnte so einfach sein...

Donnerstag, 8. November 2012

Geh mir doch weg XV: Schlafes Brüder


XV

Seine Schlaflosigkeit hatte längst absurde Züge angenommen. Er war ja selten um einen trockenen Spruch verlegen. Schlecht schlafen kann ich überall gut, sagte Peter manchmal, auf seine seltsamen Schlafgewohnheiten angesprochen. Oder: Ach, 
(Foto (c): Thomas Ottensmann)
schlafen wird ohnehin überbewertet, ich schieb das meistens ans Monatsende. Letzterer war natürlich geklaut. Von Theo Gromberg. Aus dem Kino. Tiefste Achtziger, als Westernhagen noch schlicht Marius hieß und als Musiker sogar noch glaubwürdig wirkte. 

Und heute? Konnte Peter immer noch nicht gut schlafen. Entweder schlief er zu viel oder zu wenig. Peter glaubte, dass das mit seinen mentalen Phasen zusammenfiel. Er hatte fast fünfzig Jahre mit empirischen Studien im eingehenden Selbstversuch verbracht und musste das eigentlich wissen. Ging es ihm nicht gut, schlief er zu viel. Ging es ihm gut, schlief er zu wenig. Beides nicht gesund, wie Schlafforscher seit Jahrzehnten mahnten. Dabei wusste Peter genau, wie viel Schlaf er brauchte. Sehr genau. Viereinhalb Stunden. Höchstens sechs. Drei bis vier Tiefschlafphasen à 90 Minuten. Das entsprach im Übrigen ziemlich genau der wissenschaftlich anerkannten Mindestmenge. 

Er hätte doch Papst werden sollen. Karol Wojtyla hatte so viel zu tun, dass er nur fünf Stunden schlief. Und der war ja auch sehr alt geworden. So alt, dass man sich im Nachhinein fragen musste, ob Gott keinen Bock auf den Nachfolger gehabt hatte. Bis auf ein zwei kurze Lebensabschnitte - in der Pubertät und in der zweiten Pubertät, also im Grundstudium - hatte Peter nie viel länger als sechs Stunden schlafen können. So ist das halt mit den Menschen, ihr Schlafbedürfnis ist angeboren, da kann man noch so viel üben und trainieren, das lässt sich einfach nicht ändern. Genauso wenig wie tag- oder nachtaktives Verhalten. Angeboren, Pech gehabt. Eule bleibt Eule, Lerche bleibt Lerche. 

Peter hatte das Schlafverhalten definitiv von seinem Vater geerbt. Und schlimmer konnte es kaum kommen. Er war ein nachtaktiver Frühaufsteher. Etwas, das viele Menschen "a pain in the ass" nennen würden. Als Letzter ins Bett, als Erster wieder raus. Das ging bei Peter bestens, störte ihn auch nicht - höchstens wenn er wieder mal mit ner Freundin zusammen war, die immer dann schlief, wenn er wach war. Wenn Peter seine 3-4 Tiefschlafphasen erwischte, war alles gut. Waren es nur zwei oder gar weniger, streikte irgendwann sein Körper. Die Folge: Üble Krämpfe in Waden, Füßen und Zehen, die er notdürftig mit hochkonzentriertem Magnesium bekämpfte und ein nervöses Augenlidzucken, gegen das kein Kraut gewachsen schien. 

(Foto (c): Thomas Ottensmann)

Schlimm wurde es immer dann, wenn Sorgen, Ängste und Nöte Peter den Schlaf raubten. Richtig übel immer dann, wenn er einfach nicht schlief, ohne triftigen Grund, einfach so. Teilweise wurde er erst dann so richtig hundemüde, wenn morgens der Wecker klingelte. Also damals, als er noch zur Arbeit gehen musste. Damals, als er noch richtige Arbeit hatte. Er wälzte sich dann erst die ganze Nacht hin und her, dachte in alle möglichen Richtungen, kam auf die absurdesten Ideen, hielt sie oft für genial und kam so einfach nicht in Schlaf. Solange diese Denkmaschine in seinem Kopf ratterte, war es Essig mit Schlafen. Und morgens dann aufstehen, heiße Dusche, Kaffee in Anstaltsdosen und zerschlagen wie eine Bad Bank zur Schicht. 

Apropos: Sein Vatta hatte sich den Schlafrhythmus spätestens mit Schichtarbeit versaut. Drei Schichten rund um die Uhr hatte er zuletzt malochen müssen. In einer Verzinkerei. In einem Alter, wo das der Körper weder kann noch will. Peter hatte das als Student auch getan, mehr Geld verdient als sein Alter. Er hatte das locker weggesteckt, als er in den Semesterferien in diesem Aluminiumwerk im Sauerland knechtete, um sein ständig zu knappes Bafög aufzubessern. Das war kurz nach dem Abi gewesen. Er war Anfang Zwanzig und konnte auch schon mal alkoholtechnisch über die Stränge schlagen und kam morgens trotzdem pünktlich um 6 Uhr zur Schicht. Mittags dann zum Stausee. Abends wieder ins Pan Tau, dem damals so angesagten Szenetreff. Hier war die ganze Abi-Bagage immer noch vollzählig am Start, in diesen Tagen, in denen der Ernst des Lebens zwar längst begonnen hatte, es aber keiner aus seiner Jahrgangsstufe so richtig wahrhaben wollte. 

Wir feiern einfach noch ein bisschen weiter, hatte er damals zu seinem besten Freund Rainer gesagt, mit dem er gemeinsam bei der Zeitung arbeitete. Und mit dem er auch beim Bund gemeinsam durch die Scheiße gerobbt war. Wir feiern einfach noch ein bisschen weiter, hatte Peter gesagt, um nicht raus ins Leben zu müssen. Um keine wegweisenden Entscheidungen treffen zu müssen. Um nicht erwachsen werden zu müssen. Peter kokettierte damit, das auch heute noch nicht zu sein. 48 und erwachsen? Warum? Und: wozu? 

Er kam ganz gut durchs Leben, wurde zumeist für jünger gehalten und war oft von Jüngeren umgeben. Auf Partys, die ihm gefielen, war er immer der Letzte, immer der, der für den Lichtschalter zuständig war. Kein Wunder, oft genug spielte er früher oder später den DJ. Weil die Musik so schlecht war, weil keiner tanzte oder weil keiner so recht Bock darauf hatte. Peter hatte immer Bock darauf. Egal, ob er mit oder ohne Begleitung gekommen war. Egal, ob die Begleitung jemanden auf der Party kannte oder nicht. Peter landete am Plattenspieler oder CD-Regal, hatte sein Set als Mixtape im Kopf und hangelte sich durch seine All-Time-Favourites. Mühelos, schwerelos, magisch. Vergaß Raum und Zeit und freute sich, wenn er die Leute zum Tanzen und manchmal auch zum Lachen brachte. 

(Foto (c): Thomas Ottensmann)

Dass die eine oder andere Begleitung im Laufe der Nacht längst die Party und damit zumeist auch Peter verlassen hatte, merkte er oft erst, wenn er im Morgengrauen als einer der Letzten vom harten Kern erschöpft am Rippenkörper der Heizung kauerte und gierig einen kümmerlichen Rest Nudelsalat verschlang. Weil er vor lauter Musik im Kopf und DJ-Gewese mal wieder vergessen hatte, zu essen, als es Zeit gewesen war. Und das Buffet noch reichhaltig und appetitlich schien. Diese paar Wochen Schichtarbeit und diese vielleicht hundert Partys konnten aber nicht der Grund für die anhaltende Schlaflosigkeit sein. Peter vermutete Schlimmeres. Der Grund lag in seinem Kopf. 

Wenn er zu wenig Dinge hatte, um die er sich kümmern musste, verfiel er schnell in Agonie. Phlegma als Fluch. Er schlief dann zehn, zwölf Stunden, von denen er sicher die Hälfte wach lag, ohne auch nur die geringsten Anstalten zu machen aufzustehen. Wozu auch? Die Welt hatte nicht auf ihn gewartet. Alle acht Wochen dann einmal zeitig aufstehen - was ihm dann sehr schwer fiel - beim Arbeitsamt die sauberen Fingernägel vorzeigen und brav nicken und - zuhause dann wieder wacker ins Bett gekrochen. Die Decke über die Ohren gezogen und weiter gehofft, dass auch diese dunkle Phase vorüber ging. Was sie bislang auch immer getan hatte. Zumeist nach einer schlaflosen Nacht, die er mit kreativem Gedaddel (Mixtapes, Bücher, Internet) vertrödelte, war er so voller Energie und neuer Lebensfreude, dass eine Hochphase beginnen konnte. 

Und in den ersten Tagen dieses Hochs wollte er dann immer alles nachholen, was er in den langen Wochen und Monaten versäumt zu haben glaubte. Alles aufarbeiten, was liegen geblieben war. Weil er sich selbst nicht traute, weil er nie wusste, ob diese Phase stabil war und wann die Depression zurückkam. Ob sie nur kurz Brötchen holen oder doch für drei Monate nach Teneriffa geflogen war. Der Pendelverkehr zwischen Hoch und Tief begleitete Peter nun schon sein halbes Leben. Mit 24 hatte er das zum ersten Mal als definitiv nicht normal wahrgenommen, es war die Zeit, als er mit Bettina und Petra zunächst zwei Frauen am Start hatte, nur um kurz danach als Single wieder wach zu werden. 

Er hatte sich mit diesem stetigen Wechsel zwischen  Ups und Downs mittlerweile arrangiert, aber Freunde würden sie wohl nie werden. Wenn er wählen könnte, nähme er natürlich die Ups, wohl wissend, dass er im Dauer-Hochbetrieb pleite gehen, durchdrehen und sterben würde. In dieser Reihenfolge. Es war wie mit dem Schlaf. Ausgewogen hatte er zu sein, wenn er gesund sein sollte. Vielleicht verhielt es sich mit dem Leben ganz genauso?


(Foto (c): Thomas Ottensmann)
Er wusste genau, wie wichtig gesunder Schlaf für ihn war, wie wichtig für jedes Säugetier. Gefährlich wird es ja immer dann, wenn der natürliche Rhythmus durch äußere Umstände oder den eigenen Lebenswandel so gestört ist, dass ernsthafte Erkrankungen drohen. Nicht umsonst wurden Menschen auf der ganzen Welt mit Neonlicht und ohrenbetäubender Musik mit Schlafentzug gefoltert. Es heißt, wer länger als drei bis vier Tage nicht schläft, würde wahnsinnig. Und wer länger als eine Woche ohne nennenswerten Schlaf verbringt, stürbe. 

Peter war jetzt seit 40 Stunden ohne Schlaf. Seine Augenlider hingen auf halb acht. Er hatte dunkelgraue Ringe unter den Augen. Das linke Augenlid zuckte unablässig. Die Mundwinkel zeigten deutlich nach unten. Er fühlte sich so zerschlagen, dass er davon ausging, dass es kein weiter Schritt mehr für ihn sei, bis Wahnsinn und Tod ihn an der Haltestelle Insomnia-Süd abholten. Und bis zur Endstation fuhren. Wahnsinn? Tod? Schlafes Brüder? Für Peter längst keine furchteinflößenden Vasallen mehr.

(Thomas Ottensmann für: Die Wahrheit. (c) OmO Enterprises 2012)


Mittwoch, 7. November 2012

Cool, Mr. President!

Wenn es wirklich stimmt, dass Barack Obama seinen Wahlsieg lediglich ein paar Tausend Stimmen zu verdanken hat, dann dürfte das entscheidende Zünglein an der Waage die Coolness des amtierenden US-Präsidenten gewesen sein. You better you bet:

Geh mir doch weg XIV: In fremden Federn


Als Peter aufwachte, wusste er nicht, wo er war. Er hatte erwartet, in seinem Bett, in seiner Wohnung, in seinem Haus aufzuwachen. Wie er das eigentlich immer noch jeden Morgen erwartete. Seit nunmehr 40 Tagen. 
(Foto (c): Thomas Ottensmann)
Egal, ob er in diesem ehemaligen Imkerhäuschen im Wald geschlafen hatte. Oder unter der Autobahnbrücke auf einer versifften Matratze. Als er die Augen heute morgen dann aber endlich öffnete, hatte er heftige Orientierungsschwierigkeiten. Wo war er? Orientierungsschwierigkeiten waren für Peter nix Neues. Die hatte er schon als Kind gehabt. Er konnte sich nicht besonders gut zurechtfinden in der großen Welt. Und hatte einfach keinen guten Orientierungssinn. Er verlief sich oft und gerne. Westen? Osten? Tja, hängt das nicht davon ab, wo man gerade steht? Und ist das nicht ohnehin dasselbe? 

Sein innerer Kompass war irgendwie defekt. Immer schon gewesen. Manchmal guckte er nach links, wenn ihm jemand etwas rechts zeigen wollte. Wenn er dann ungeduldig fragte, wo ist denn jetzt rechts, hatte Peters Vatta immer gesagt: Rechts ist da, wo der Daumen links ist. Fertig. Nix mehr. Kein Fingerzeig, keine Erklärung, nur diese heimliche Feixen, wenn der kleine Peter stirnrunzelnd in der viel zu großen Umgebung stand und immer noch nicht wusste, wo's langging. Leider hatte sich das mit den Orientierungsschwierigkeiten auch im Alter nicht gegeben. Was Wunder, dass Peter einer der Ersten war, der sich ein Navigationssystem zulegte. In den frühen Nuller-Jahren, als die Dinger noch so groß wie ein Kleinwagen und ebenso unkomfortabel wie unzuverlässig waren. Nur mit Karte und Autoatlas bewaffnet, kam Peter selten dort an, wohin er eigentlich wollte. Und noch seltener pünktlich. Konnte auch schon mal daran liegen, dass er geraume Zeit in die entgegengesetzte Richtung fuhr, weil er die Karte falsch rum hielt.


(Foto (c): Thomas Ottensmann)

Es war ein Kreuz. Er war wohl geographischer Legastheniker. Konnte sich mühsam Kirchen, Fußballstadien und Werbeplakate einprägen und sich dann in einer fremden Stadt notdürftig daran orientieren. Hier war ich schon mal, murmelte er dann, wenn klar wurde, dass er mal wieder im Kreis gefahren und dass das Ziel noch lange nicht erreicht war. Heute kam Peter bestens klar. Aber erst seit es die wirklich funktionierenden GPS-Handys mit integriertem Navi gab. Als Onliner ließ er sich alle zwei Jahre von seinem Mobilfunkbetreiber upgraden. Maulte dann vier Wochen rum, das "sei nix für alte Leute" und das "verstehe, wer will, er aber wolle definitv nicht" und dann - schwupps - war er auf einmal ganz kurz still und dann der größte Fan der modernen Technik. 


(Foto (c): Thomas Ottensmann)

Aber heute morgen wusste Peter ums Verrecken nicht, wo er war, als er die Augen aufschlug. Die Bettwäsche roch frisch. Ein sehr flauschiges, angenehm schweres Oberbett, offenbar aus richtigen Daunen, mit Blümchenmuster. Die durchsichtigen Vorhänge waren lindgrün, mit Vertigomuster. Vor dem alten Holzstuhl in der Ecke standen seine schief gelaufenen Wanderstiefel, darauf lagen seine Klamotten. Offenbar hastig ausgezogen. Und ein Top, ein Push-Up-BH und ein Spitzenhöschen. In weiß. Klassisch. Schön. Sexy. In der Ecke sein Rucksack. Vor dem Rucksack die alte Bundeswehrdecke ("Bundeseigentum"), auf der Ische sich wie ein Füchschen eingerollt hatte und schlief. Zu lesen war auf der Decke nur noch "entum". Es roch leicht nach schwarzem Pfeffer. Auf der alten Waschkommode mit Spiegelaufsatz, die dem Bett gegenüber an der Stirnwand stand, glimmte schwach ein Teelicht unter einer Duftlampe. Wo war er? Und was war um Himmels willen passiert? Er wusste noch, dass er Bettina wieder getroffen hatte. Sie lebte immer noch hier. Empfand ihre Unistadt, in der auch ihre Tochter geboren war, längst als Heimat, obwohl sie eigentlich aus dem Pott kam. In den sie aber nie - schon damals in den Achtzigern nicht - zurückwollte. Sie hatten sich getroffen und stundenlang gequatscht. Wie früher. Als hätten sie sich gestern zuletzt gesehen. Dabei war es acht Jahre her, dass sie zuletzt etwas voneinander gehört hatten. 

Ja, sowas gibt's, hatte Peter gestern Abend noch gedacht. Dass man keinen Kontakt hält, sich aus den Augen verliert, nichts mehr voneinander weiß, aber dass trotzdem nichts verloren geht. Weil man sich gar nicht verlieren kann. Weil die Seelen immer noch gleich takten. Da spielen Zeit und Raum dann eine nur noch untergeordnete Rolle. Aber jetzt? Wo war er jetzt? Und wie war er hierher gekommen? Sie hatten die US-Wahlen in einer American-Sports-Bar am See verfolgt, die es damals - als Peter und Bettina noch gemeinsam studierten -  noch gar nicht gegeben hatte. So viel wusste er noch. Und sie hatten dort Tom kennengelernt, der als GI nach Deutschland gekommen und später - der Liebe wegen - einfach geblieben war und diese Bar eröffnet hatte: Toms Diner. Er hatte ihnen immer wieder einen ausgetan, als im Laufe der Nacht klar wurde, dass Barrack Obama wirklich wiedergewählt werden und es die von ihm so erhofften und lautstark skandierten 'Four More Years' geben würde. "Und dann kann er sein Versprechen endlich einlösen und Guantanamo schließen. Ist schließlich schon vier Jahre her, dass er uns das versprach", hatte Tom gesagt, als er mit der nächsten Runde Wodka kam. Muss so gegen halb sechs gewesen sein. 

(Foto (c): Thomas Ottensmann)


Und jetzt lag er hier, hatte geschlafen wie ein Baby und fühlte sich pudelwohl. Als er sich gerade zum dritten Mal fragen wollte, wo er eigentlich war, sprang Ische mit freudigem Jippsen auf und begrüßte - ihn, wie er dachte. Aber die schwarze Hündin  lief grußlos vorbei und blieb schwanzwedelnd vor der Schlafzimmertür sitzen. Als sie sich öffnete, war der Hund dann gar nicht mehr zu halten. Ische warf sich auf den Rücken und wälzte sich von links nach rechts, versuchte nach ihren Hinterläufen zu schnappen und jaulte vergnügt. Ihr Zeichen für "Kraul mich doch am Bauch". Dass Peter eigentlich exklusiv zu haben meinte. 

Sie war gerade aus der Dusche gekommen und trug bis auf ein um die Hüfte gewickeltes Handtuch nur ihr Parfüm, Shalimar, wie früher. Ihr Haar war triefnass und Peter konnte das Vanille-Duschgel bis ins Bett riechen. Bettina kniete sich vor den Hund - was Peter interessante Perspektiven bot - und kraulte Ische den Bauch: "Na, du Süße, hast du auch so gut geschlafen?". Komisch, dachte Peter, ich wollte gerade genau dasselbe fragen.

(Thomas Ottensmann für: Die Wahrheit. (c) OmO Enterprises 2012)


Was bisher geschah.
Die komplette erste Staffel.
Am Stück, nicht geschnitten.


...und alle Folgen im einzelnen:









US-Wahl entschieden

Überraschend wurde die US-Wahl etwa zehn Stunden vor der Auszählung der Stimmen durch ein letztes TV-Duell von Mitt Romney und Barrack Obama in Stuttgart entschieden. Hier die Aufzeichnung:

Dienstag, 6. November 2012

taz zahl ich!


Gerne sogar. Warum? Darum:


Internationaler Tag der Guten Musik CCCXI


So muss ein gutes Cover sein. Zwei Beispiele ein und desselben Liedes.


Und das hier macht immer widder richtig gute Laune.

Sprecherziehung 2.0

Wo sich Frosch und Maulwurfn 'Hage', ähem, 'Gute Nacht' sagen. 

Montag, 5. November 2012

Comeback des Jahres

Ab ins Kino. Pflichtfilm.

Sonntag, 4. November 2012

Geh mir doch weg XIII: Unter Geiseln

Peter rastete aus. Verlor völlig die Beherrschung. "Was glaubt, Ihr eigentlich, wer Ihr seid?", brüllte er einen Tick zu schrill. Wenn sich seine Stimme überschlug, war das kein gutes Zeichen. Für alle Beteiligten. "Und was glaubt Ihr eigentlich, 
(Handy-Foto (c): Thomas Ottensmann)
was Ihr mit Euren Kunden so alles anstellen könnt? Ich bin doch nicht BLÖD!". 

Peter fiel auf, dass er gerade einen Werbespruch zitiert hatte. Den er noch nicht mal originell fand. Genauso wenig wie den Elektronik-Discounter, der dahinter steckte. Aber das Zitat passte. Bestens. In beiden Läden arbeiteten nur noch Verkäufer. Keine Berater. Oder gar Fachkräfte. Gegen modernes Kopfgeld. Provision genannt. Kompetenz gleich null. Stationäre Drückerkolonnen auf Opfersuche. Aber nicht mit ihm! Wenn Peter einmal in Fahrt war und die Cholera-Grenze eingerissen hatte, wurde es unangenehm. Für alle Beteiligten. "Das Einzige, was Ihr hier macht, ist, uns über den Tisch ziehen", schnaubte Peter, dabei deutete er auf die wartende Kundschaft. Eine ältere Dame nickte zögerlich.

"Monatlich möglichst viel Kohle aus den Kunden herauspressen. Ohne Gegenleistung. Gibt es in dieser Bumsbude eigentlich irgendjemanden, der weiß, was er tut und vielleicht sogar noch, warum? Und der Fragen nicht mit einer Gegenfrage beantwortet? Oder ist das hier gar kein Handy-Laden, sondern ein Baumarkt? Da gehört das ja so." Peter hatte extra gewartet bis der Laden brechend voll war. Samstagmorgen, 11.30 Uhr, wenn auch die letzten Penntüten zum Shoppen in der Innenstadt weilten. 

Er hatte nicht damit gerechnet, dass sein niegelnagelneues Handy im dritten Anlauf endlich fehlerfrei funktionieren würde. Und schon mal gar nicht, dass schräge Hotline-Vögel oder gar die zusammengewürfelte Zirkustruppe in dem Laden, der natürlich Shop hieß, eine wie auch immer geartete Idee entwickeln könnte, was jetzt zu tun sei. Er war mit der Ahnung in den Laden gekommen, dass sie das zehn Tage alte Handy, das er für seine Einwilligung in weitere 24 Monate  Geiselhaft in den Klauen eines dahergelaufenen Mobilfunkbetreibers bekam, einschicken würden. Dass dann eine neue Software aufgespielt werden würde, obwohl er das vor fünf Tagen natürlich längst selbst  getan hatte. Und dass damit alle Fotos, alle Kontakte, alle gespeicherten SMS futsch wären. Aber er war nicht gekommen, um sein Handy kampflos abzugeben. Und sich in sein Schicksal zu ergeben. Er war gekommen, um sich aufzuregen.


(Handy-Foto (c): Thomas Ottensmann)

Klar, er konnte mit dem Teil telefonieren. Und ins Internet. Aber SMS verschicken? Pustekuchen. SMS empfangen? Gelächter! Zweimal war er zuvor schon mit Ische in die Stadt gefahren. Seit sie läufig war ein ganz besonders großes Vergnügen. Nach zweimaligem Kartentausch und zweimaligem PIN-Wechsel konnte er jetzt immerhin wieder SMS verschicken. Dumm nur, dass er die Antworten nicht bekam. Da machte die SMS-Flat, die er seit Jahren hatte, so richtig Sinn. Gut, das neue Handy war bestimmt dreimal so schnell wie die alte Gurke, die sich im Web immer so quälen musste. Und ein größeres Display hatte es auch. Und die Sprachqualität? 1a. Aber keine SMS? Inakzeptabel. 


Das war schließlich die einzige Funktion, die er seit Ende der 90er Jahre wirklich nicht mehr missen wollte. Im Prinzip simste Peter gar nicht, er chattete. Das gefiel den Mobilfunkheinis natürlich nicht. Aber wer eine Flatrate für 9,90 Euro anbietet, darf sich nicht beschweren, wenn monatlich schon mal 800 SMS rausgingen. Dafür telefonierte er so gut wie nie. Und wurde auch seltenst angerufen. Und wenn, dann ging er oft erst gar nicht ran. Er mochte nicht in der Öffentlichkeit telefonieren, wollte nicht wie die anderen Schwachmaten durch die Fußgängerzonen laufen, während sie die ganze Zeit in ihre Zauberknochen brüllen. Oder im Bus. Oder bei Aldi am Kühlregal. Oder im Kaufhaus an der Kasse. 


Und er wollte keine Fragen beantworten. Fing ja schon bei der Begrüßungsfloskel an. "Hi, wo biste?". Niemand meldete sich ja heutzutage mehr mit seinem Namen oder sagte irgendetwas belanglos Höfliches zum Einstieg, wie "Oh schön, dass Du anrufst!" oder "Mööönsch, das ist ja eine Überraschung. Gerade noch an Dich gedacht!" Entweder ein kurz gebelltes "Ja?" Oder "Hallo?" Und dann direkt, die moderne Form von "Wie geht's, ich hoffe gut". Auf Handy-Deutsch: "Wo biste?" Das kotzte ihn an. Vielleicht, weil er die Frage schon viel zu oft gehört hatte. Vielleicht, weil er die Antwort nicht kannte. Er wusste ja definitiv nicht, wo er gerade war in seinem Leben. Trotz Google-Maps. Und er wusste auch nicht, warum er da war, wo er gerade war. Er wusste noch nicht mal, wo er stattdessen sein wollte. Er wusste nur eines: Im Moment war er außer sich. Und das war nach langer Zeit endlich mal wieder ein Gefühl, das er ganz ganz deutlich im Bauch spüren konnte.

(Thomas Ottensmann für: Die Wahrheit. (c) OmO Enterprises 2012)


Was bisher geschah.









Internationaler Tag der Guten Musik CCCIX

Heute: Cover me. Von wegen Aguilera! Elvis rules. And House, MD.

Samstag, 3. November 2012

Geh mir doch weg XII: Kritische Tage

Ische hatte längst angehalten. Er konnte seine rabenschwarze Hündin in der Düsternis nur noch an ihrem Leuchthalsband erkennen. Und auch nur, weil das Mondlicht gerade so eben ausreichte, um ihr Reflektorhalsband glimmen zu lassen. Ganz schwach zwar nur, aber immerhin. Eigentlich konnte das Halsband das auch alleine. Es leuchtete blutrot. Oder blinkte. Wenn die Batterien Saft hatten. Das Billig-Halsband hatte allerdings nur sechs Wochen geblinkt. Aber was wollte er erwarten? Kam aus einem Ein-Euro-Shop. Also bitteschön. Sechs Wochen für einen Euro waren nicht so schlecht. Und die Blinkies waren bestimmt nicht für ausgedehnte Nachtwanderungen von mehreren Stunden gedacht. Pro Tag - oder vielmehr pro Nacht - war Peter Wunderlich jetzt wohl an die zwei, drei Stunden mit seiner Hündin unterwegs. In den letzten Tagen bestimmt noch länger.

"Am dunkelsten ist es immer kurz vor Sonnenaufgang." 
(Hank Schrader) 

Ische war zum ersten Mal läufig geworden. Mit zehn Monaten schon ein Neustart des Lebens. Peter hatte dafür wesentlich länger gebraucht. Ische hatte sich in den letzten Tagen verändert. War bis zur Halskrause voll mit neuen Gefühlen. Manchmal hatte Peter das Gefühl, dass die schlanke Hündin mit den langen Stelzenbeinen fast taumelte, so besoffen schien sie von den Hormoncocktails. Sie war jetzt in den kritischen Tagen. Die erste Woche war ja ungefährlich und harmlos. Sicher, sie hatte getrieft wie ein Kieslaster. Was Peter aber nur aus seinem Schlafsack wusste, in den Ische immer dann heimlich schlüpfte, wenn Peter schlief. Sollte sie nicht. Durfte sie nicht. Tat sie aber. Weil Peter schnarchte und sie das nicht für eine konkrete Anweisung hielt. Vielmehr deutete der Hund das offenbar als Aufforderung zu Körperkontakt. Hatte zwar ihre eigene Pferdedecke, die direkt zwischen Peter und dem Feuer lag. Aber sie brauchte jetzt scheinbar ihr Rudel. Gerade jetzt. Noch viel dringender brauchte Ische seit neuestem aber einen Kerl. Jetzt. Gleich. Sofort. Um ihren Erfahrungshorizont auszudehnen. Und Rüden mal von einer ganz anderen Seite kennen zu lernen. Und endlich Mutter zu werden.


(Foto: Thomas Ottensmann)
Das hatte Peter gerade noch gefehlt. Tagsüber konnte er sie kaum am Strick halten. Weil Isches Kinderwunsch offenbar überhand genommen hatte. Und weil sie zudem ein ganz neues Parfüm aufgelegt hatte, um den Rüden die Köpfe zu verdrehen. Die Duftnote 'Harzer Roller' musste man als Mensch nicht direkt reizvoll empfinden, aber draußen war Peter das so gut wie egal. Nur wenn er morgens aufwachte und aus seinem Schlafsack dieses blumige Bouquet nach Käsemauken in seine Nasenflügel kroch, war sein Zäpfchen manchmal nur schwer unter Kontrolle zu halten. Aber der Erfolg gab Ische recht. Sie zog mittlerweile ein Rudel liebestoller Rüden nach sich. Peter war mit Feldstecher unterwegs und ging oft große Bogen, um  Isches Freier weiträumig zu umgehen. Also lieber nachts unterwegs sein. Dann ließ Peter sie sogar von der Leine, damit Ische in Ruhe ihrem zweitliebsten Hobby nachgehen konnte. 


(Foto: Thomas Ottensmann)
Was hatte er erwartet? Er wusste, dass sie ein Jagdhund werden würde. Da hatten die Gene des Papas ganze Arbeit geleistet. Bis Peter seine Hündin abgeholt hatte, hielt er Vorsteher für eine Drüse - und ein beliebtes Spielzeug für Urologen. Jetzt wusste er es besser. Ische war ein Vorsteher par excellence. Sie harrte nun schon minutenlang vor dem Gebüsch an der kleinen Lichtung aus. Die linke Pfote gehoben, die Rute konzentriert aufgerichtet, den Kopf nach vorne gestreckt. Witterung auf vollem Empfang. Der Hund bebte vor Erregung und Anspannung. Die Hinterläufe vibrierten, der Behang zitterte wie Espenlaub. Ische reagierte nicht mehr auf Peters leises Schnalzen. Ließ sich auch nicht mit einem Bröckchen Straußenleber locken. Das musste ja etwas ganz Spannendes sein, in diesem Gebüsch. 

Im Gehölz raschelte es. Ische jippste kurz, aufgeregt blickte sie sich zu Peter um. Wollte offenbar etwas sagen. Soviel wie: Obacht, hier kommt gleich was. Ich schicke dir das raus. Den Rest erledigst du, okay? So in etwa. Peter war gelangweilt. Ein weiteres Kaninchen. Oder ein Eichhörnchen? Wohl kaum. Die waren nachts auf den Bäumen. Vielleicht ein Igel? Ische jippste wieder, einmal ,zweimal, dreimal. Jetzt kommt's dachte Peter und wusste zwei Sekunden später nicht mehr, wie ihm geschah.

(Thomas Ottensmann für: Die Wahrheit. (c) OmO Enterprises 2012)